OneCoin Konnte Milliarden Stehlen, Obwohl Banken Die Behörden Informiert Hatten

Im Dezember 2015 verschickt in einer Sparkasse nahe der niederländischen Grenze jemand eine Geldwäsche-Anzeige. Es geht um 2,5 Millionen Euro. Was nach viel klingt, sollte sich schon bald als die Spitze eines riesigen Eisbergs herausstellen. Recherchen von BuzzFeed News zeigen: Die Meldung, die in diesem Moment die kleine Sparkasse verlässt, beschreibt nicht nur einen der womöglich größten Betrugsfälle aller Zeiten. Sie ist auch eine der ersten Meldungen zu diesem mutmaßlichen Betrug weltweit. Lange bevor sich das FBI damit befassen wird. Lange, bevor sich Ermittlungsbehörden in Dutzenden Ländern mit OneCoin beschäftigen, ein Kronzeuge auspacken und die glamouröse Gründerin untertauchen wird. Und auch lange bevor deutsche Ermittler versuchen werden, das Geld von 60.000 Anlegern wiederzufinden. Heute ist klar: Was die kleine Sparkasse damals gemeldet hat, könnte einer der größten Betrugsfälle aller Zeiten werden. Mit Parties in Bulgarien und London. Mit Yachten und Diamanten, Räumen voller Bargeld und Privat-Spionen. Mit Luxus-Apartments auf der halben und betrogenen Kunden auf der ganzen Welt. Mit einer spurlos verschwundenen Milliardärin aus Deutschland. Und mit ihrem Bruder, der dem FBI hilft, gegen seine eigene Schwester zu ermitteln. Beide sind aufgewachsen in einer Kleinstadt im Schwarzwald und wurden von ihren Anhängern weltweit bejubelt, für etwas ohne jeden realen Wert: OneCoin. Eine frei erfundene, virtuelle Währung, die nirgends existierte außer in ein paar Verkaufspräsentationen, irreführenden Webseiten und Excel-Tabellen. Dank der Geldwäscheanzeige der kleinen Sparkasse hatten deutsche Behörden für einen kurzen Moment die Chance, den womöglich größten Betrug der vergangenen Jahre zu stoppen. Vielleicht hätten dann nicht hunderttausende Menschen auf der ganzen Welt einer vorbestraften Betrügerin Milliarden Euro anvertraut. Doch es kam anders. Heute ermitteln deutsche Staatsanwälte, unter anderem wegen des Verdachts des gewerbs- und bandenmäßigen Betruges, der Geldwäsche und diverser anderer Delikte. Allein in Deutschland glaubten 60.000 Menschen an OneCoin, weltweit waren es 3,5 Millionen. Bis heute ist unklar, wie hoch der Schaden wirklich ist. In Unterlagen der US-Behörden ist von vier Milliarden Dollar die Rede, interne Unterlagen weisen 5,2 Milliarden Dollar Umsatz bis Mitte 2017 aus. Zwischenzeitlich kursiert sogar die unglaubliche Summe von 15 Milliarden. Sicher scheint bislang nur: Das Geld ist weg. Und mit ihm der Kopf hinter allem, die Deutsch-Bulgarin Ruja Ignatova. Auf Fragen von BuzzFeed News antworteten Ignatova und ihre ehemaligen Mitstreiter genauso wenig wie die Firmen, die hinter OneCoin stehen. Wir recherchieren weiter zum Thema – helfen Sie uns dabei. Fühlen Sie sich als Geschädigte? Haben Sie Hinweise, Dokumente oder Namen für uns, denen wir nachgehen sollten? Wir schauen uns alles an und prüfen die Vorwürfe. Wie Sie uns anonym und verschlüsselt erreichen können, steht am Ende des Artikels – oder schreiben Sie uns vertraulich an [email protected] Für viele, die ihr glaubten, stellen sich bis heute quälende Fragen. Manche haben ihre besten Freunde angeworben, ihre Nachbarn, ihre Arbeitskollegen. Andere haben sämtliche Ersparnisse der Familie in OneCoin gesteckt. Ihnen war ein kluges Investment versprochen worden. Eines, mit dem sie reich würden. Am Ende wurden mit „OneCoin“ nur sehr wenige Menschen reich, die dafür aber so richtig. Seit fast einem Jahr recherchieren wir zu OneCoin. Wir haben interne Dokumente ausgewertet, mit Experten und Ermittlern gesprochen, heimlich an Veranstaltungen teilgenommen. Wir haben uns durch alte Videos, soziale Netzwerke und Telegram-Gruppen gewühlt, Spuren im Netz gefunden. Und eines Tages fanden wir den Namen „OneCoin“ auch in den FinCEN-Files – jenen streng vertraulichen Unterlagen und Geldwäsche-Verdachtsmeldungen der US-Finanzaufsicht, die BuzzFeed News mit dem ICIJ und mehr als 100 weiteren Redaktionen geteilt hat und die nach ihrer Veröffentlichung am vergangenen Sonntag eine weltweite Debatte um die Rolle von Banken bei Geldwäsche und Finanzkriminalität ausgelöst haben. Wie viele Alarmglocken müssen gleichzeitig klingeln? Auch die Köpfe hinter OneCoin nutzten die Lücken im System der Geldwäsche-Überwachung aus. Gründeten Briefkastenfirmen am Fließband. Nutzten Fonds, die in intransparenten Steueroasen registriert waren und Geld von einem verschwiegenen Finanzplatz zum anderen brachten. Fonds und Briefkastenfirmen, die Fonds und Briefkastenfirmen gehören, die an Sammeladressen in Finanzoasen registriert waren. Und: Auch hier waren es nicht die internationalen Großbanken, die Alarm schlugen, sondern die kleine deutsche Sparkasse und später die „United Overseas Bank” aus Singapur, die zwei Überweisungen ablehnte und damit die mächtige Bank of New York Mellon aufscheuchte. Die Bank of New York Mellon antwortete, sie nehme ihre „Rolle beim Schutz des globalen Finanzsystems“ sehr ernst und unterstütze die Behörden bei ihrer Arbeit. Die B

OneCoin Konnte Milliarden Stehlen, Obwohl Banken Die Behörden Informiert Hatten
Im Dezember 2015 verschickt in einer Sparkasse nahe der niederländischen Grenze jemand eine Geldwäsche-Anzeige. Es geht um 2,5 Millionen Euro. Was nach viel klingt, sollte sich schon bald als die Spitze eines riesigen Eisbergs herausstellen. Recherchen von BuzzFeed News zeigen: Die Meldung, die in diesem Moment die kleine Sparkasse verlässt, beschreibt nicht nur einen der womöglich größten Betrugsfälle aller Zeiten. Sie ist auch eine der ersten Meldungen zu diesem mutmaßlichen Betrug weltweit. Lange bevor sich das FBI damit befassen wird. Lange, bevor sich Ermittlungsbehörden in Dutzenden Ländern mit OneCoin beschäftigen, ein Kronzeuge auspacken und die glamouröse Gründerin untertauchen wird. Und auch lange bevor deutsche Ermittler versuchen werden, das Geld von 60.000 Anlegern wiederzufinden. Heute ist klar: Was die kleine Sparkasse damals gemeldet hat, könnte einer der größten Betrugsfälle aller Zeiten werden. Mit Parties in Bulgarien und London. Mit Yachten und Diamanten, Räumen voller Bargeld und Privat-Spionen. Mit Luxus-Apartments auf der halben und betrogenen Kunden auf der ganzen Welt. Mit einer spurlos verschwundenen Milliardärin aus Deutschland. Und mit ihrem Bruder, der dem FBI hilft, gegen seine eigene Schwester zu ermitteln. Beide sind aufgewachsen in einer Kleinstadt im Schwarzwald und wurden von ihren Anhängern weltweit bejubelt, für etwas ohne jeden realen Wert: OneCoin. Eine frei erfundene, virtuelle Währung, die nirgends existierte außer in ein paar Verkaufspräsentationen, irreführenden Webseiten und Excel-Tabellen. Dank der Geldwäscheanzeige der kleinen Sparkasse hatten deutsche Behörden für einen kurzen Moment die Chance, den womöglich größten Betrug der vergangenen Jahre zu stoppen. Vielleicht hätten dann nicht hunderttausende Menschen auf der ganzen Welt einer vorbestraften Betrügerin Milliarden Euro anvertraut. Doch es kam anders. Heute ermitteln deutsche Staatsanwälte, unter anderem wegen des Verdachts des gewerbs- und bandenmäßigen Betruges, der Geldwäsche und diverser anderer Delikte. Allein in Deutschland glaubten 60.000 Menschen an OneCoin, weltweit waren es 3,5 Millionen. Bis heute ist unklar, wie hoch der Schaden wirklich ist. In Unterlagen der US-Behörden ist von vier Milliarden Dollar die Rede, interne Unterlagen weisen 5,2 Milliarden Dollar Umsatz bis Mitte 2017 aus. Zwischenzeitlich kursiert sogar die unglaubliche Summe von 15 Milliarden. Sicher scheint bislang nur: Das Geld ist weg. Und mit ihm der Kopf hinter allem, die Deutsch-Bulgarin Ruja Ignatova. Auf Fragen von BuzzFeed News antworteten Ignatova und ihre ehemaligen Mitstreiter genauso wenig wie die Firmen, die hinter OneCoin stehen. Wir recherchieren weiter zum Thema – helfen Sie uns dabei. Fühlen Sie sich als Geschädigte? Haben Sie Hinweise, Dokumente oder Namen für uns, denen wir nachgehen sollten? Wir schauen uns alles an und prüfen die Vorwürfe. Wie Sie uns anonym und verschlüsselt erreichen können, steht am Ende des Artikels – oder schreiben Sie uns vertraulich an [email protected] Für viele, die ihr glaubten, stellen sich bis heute quälende Fragen. Manche haben ihre besten Freunde angeworben, ihre Nachbarn, ihre Arbeitskollegen. Andere haben sämtliche Ersparnisse der Familie in OneCoin gesteckt. Ihnen war ein kluges Investment versprochen worden. Eines, mit dem sie reich würden. Am Ende wurden mit „OneCoin“ nur sehr wenige Menschen reich, die dafür aber so richtig. Seit fast einem Jahr recherchieren wir zu OneCoin. Wir haben interne Dokumente ausgewertet, mit Experten und Ermittlern gesprochen, heimlich an Veranstaltungen teilgenommen. Wir haben uns durch alte Videos, soziale Netzwerke und Telegram-Gruppen gewühlt, Spuren im Netz gefunden. Und eines Tages fanden wir den Namen „OneCoin“ auch in den FinCEN-Files – jenen streng vertraulichen Unterlagen und Geldwäsche-Verdachtsmeldungen der US-Finanzaufsicht, die BuzzFeed News mit dem ICIJ und mehr als 100 weiteren Redaktionen geteilt hat und die nach ihrer Veröffentlichung am vergangenen Sonntag eine weltweite Debatte um die Rolle von Banken bei Geldwäsche und Finanzkriminalität ausgelöst haben. Wie viele Alarmglocken müssen gleichzeitig klingeln? Auch die Köpfe hinter OneCoin nutzten die Lücken im System der Geldwäsche-Überwachung aus. Gründeten Briefkastenfirmen am Fließband. Nutzten Fonds, die in intransparenten Steueroasen registriert waren und Geld von einem verschwiegenen Finanzplatz zum anderen brachten. Fonds und Briefkastenfirmen, die Fonds und Briefkastenfirmen gehören, die an Sammeladressen in Finanzoasen registriert waren. Und: Auch hier waren es nicht die internationalen Großbanken, die Alarm schlugen, sondern die kleine deutsche Sparkasse und später die „United Overseas Bank” aus Singapur, die zwei Überweisungen ablehnte und damit die mächtige Bank of New York Mellon aufscheuchte. Die Bank of New York Mellon antwortete, sie nehme ihre „Rolle beim Schutz des globalen Finanzsystems“ sehr ernst und unterstütze die Behörden bei ihrer Arbeit. Die Beantwortung konkreter Fragen lehnte die Bank ab. Banken sind per Gesetz nicht verpflichtet, verdächtige Zahlungen zu stoppen – aber in Fällen wie diesem stellt sich die Frage: Wie viele Alarmglocken müssen eigentlich gleichzeitig klingeln, bevor sie es von sich aus tun? Ruja Ignatova, Kopf hinter dem mutmaßlichen Mega-Betrug, kennt sich jedenfalls aus mit der Finanzbranche. Schon in der Schule war sie aufgefallen. Ein Einwandererkind aus Bulgarien, gleich zwei Mal eine Klasse übersprungen, nicht sonderlich beliebt, aber klug. So berichten es ehemalige Mitschüler der Neuen Rottweiler Zeitung, die schon früh zu OneCoin recherchierte. Ignatova hat Ambitionen, studiert Jura, macht ihren Doktor, beginnt bei einer renommierten Wirtschaftsberatung. Aber irgendwann in dieser Zeit muss die Entscheidung gefallen sein, dem Erfolg selbst ein wenig nachzuhelfen. Gemeinsam mit ihrem Vater übernimmt sie 2010 das in Schwierigkeiten geratene Gusswerk Waltenhofen. Sie als dynamische Geschäftsfrau, er als Mann, der etwas vom Fach versteht, so die Inszenierung. Anfangs ist die Belegschaft begeistert. Nach einem Jahr fällt die Maske. Ignatova hatte so viel Geld wie möglich aus der Firma gezogen. Sie hatte versucht, die Maschinen nach Bulgarien zu verkaufen und die eigentlich schon insolvente Firma Anfang 2012 schließlich heimlich weiterverkauft. Direkt danach setzte sie sich ins Ausland ab, wohl erst nach London und dann nach Dubai. Im April 2016 wird sie in Augsburg wegen Insolvenzverschleppung und Betrug verurteilt. Von einer erheblichen kriminellen Energie sprach die Staatsanwaltschaft damals. Von einer positiven Sozialprognose das Gericht. Womöglich nimmt sie da schon zum zweiten Mal Anlauf, auf Kosten anderer reich zu werden: Mit „BigCoin“, einem kollabierten Schneeballsystem, das Menschen eine erfundene Kryptowährung verkaufen wollte. Womöglich lernte sie dort Sebastian Greenwood kennen und dessen Talent, Menschen alles mögliche zu verkaufen. Noch während Ruja Ignatova BigCoin bewirbt, schmiedet sie an den Plänen für OneCoin. Das belegen E-Mails von Ruja Ignatova aus der Zeit kurz vor dem Start von OneCoin, die sich in den Akten der US-Ermittlungsbehörden finden. Von „sehr grenzwertigen Sachen“ ist dort die Rede. Und von einem Plan, auf den man „nicht stolz sein“ könne. Let's block ads! (Why?)